Monika SjpgÜber die Köpfe hinweg – an der Wirklichkeit vorbei

Ende Juni wurde eine Instruktion aus Rom über die Pfarrgemeinden und die Leitung von Pfarreien veröffentlicht, „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“, so der Titel. Der Text beginnt, so fasst es Professor Wolfgang Beck, Pastoraltheologe in St. Georgen, zusammen, mit „dem Ideal einer „pastoralen Umkehr“ und der Hinwendung zu einem missionarisch aufbrechendem kirchlichen Leben“. Sicher einige beachtenswerte Gedanken und Impulse, manche entsprechen allerdings nicht mehr der kirchlichen Realität bei uns, sondern gehen von der früheren Situation einer Pfarrei mit einem Pfarrer aus. Sehr problematisch wird es dann, wenn es um das Thema Leitung der Pfarrgemeinden geht. Wichtige neue Leitungsmodelle von Leitung in einem Team, mit Pfarrer, haupt- und ehrenamtlichen Laien, werden abgelehnt. Laien kommen nur am Rande vor und die Rolle von Frauen wird nicht angemessen gewürdigt. Die Reaktion von einer ganzen Reihe der deutschen Bischöfe zeigt, dass auch sie offensichtlich nicht vorher befragt wurden. Kleriker in Rom, die weit weg sind von dem Leben von Gemeinden haben diese Instruktion verfasst, die leider vom Papst gebilligt wurde. Es gab und gibt viele Reaktionen von Gläubigen: Unverständnis, Enttäuschung, Wut und die Frage, wie es mit dieser Kirche weitergehen kann. Für manche stellt sich auch die persönliche Frage, ob es für sie in dieser Kirche weitergehen kann. Was ist der Beweggrund dieses Papiers? Ist es Angst vor dem Machtverlust von geweihten Amtsträgern? Ist es Angst vor dem, wie sich Kirche in der nahen und ferneren Zukunft entwickeln wird? Offensichtlich ist es Ausdruck eines Festhaltens an Früherem, ohne zu realisieren, dass diese Verhältnisse überhaupt nicht mehr der heutigen Wirklichkeit entsprechen. Vielen von uns, die wir haupt- und ehrenamtlich in Kirche leben und arbeiten, ist sehr deutlich, dass es dringend neue Modelle von Leitung in den Pfarreien braucht, gemeinsame Verantwortung von Priestern und Laien, Männern und Frauen, und zwar über das hinaus, was schon durch die synodalen Gremien  vorgesehen ist. Und das nicht, weil es nicht genug Priester gibt, sondern weil wir alle nur gemeinsam Kirche sind und gemeinsam Verantwortung tragen. In der deutschen Kirche ist der synodale Weg begonnen worden, ein Prozess in dem Bischöfe, Priester, nicht geweihte Männer und Frauen sich mit drängenden Fragen von kirchlicher Verkündigung und Gestalt von Kirche befassen und gleichberechtigt miteinander reden und ringen. Ich hoffe und bete, dass dieser Weg weiter begangen werden und auch Ergebnisse bringen wird, die zukunftsweisend sind.

Das Evangelium dieses Sonntags kann ermutigen, solche neue Schritte zu wagen, wie Petrus, der auf das Wort Jesu auf das Wasser geht. Ein sprechendes Bild dafür, dass jeder Schritt in die Zukunft ein Schritt in die Ungewissheit bedeutet und doch gewagt werden muss, denn im sicheren Boot zu bleiben entfernt uns von der Wirklichkeit der Menschen heute. Die Worte Jesu an die Jünger sind Worte an uns: Habt Vertrauen, ich bin es. Fürchtet euch nicht. Jesus ist mit uns auf dem Weg, in dem Vertrauen können wir neues ausprobieren, vielleicht auch mit manchen Versuchen scheitern, aber mit anderen Möglichkeiten entdecken, die frohe Botschaft heute zu verkünden.

Monika Stanossek

PS: Ich empfehle Ihnen die Lektüre der Seiten 11, 16 und 17 der Kirchenzeitung „Der Sonntag“, Nr. 31/32 vom 2. August 2020. Da finden Sie auch den Artikel von Prof. Beck.